Wie Indien zum Wachstumstreiber wird
Im Interview erklärt Florian Vogel, wie Unternehmen gemeinsam mit Project Professionals und Kloepfel Services Indien strategisch erschließen – von der ersten Marktanalyse über den Aufbau belastbarer Lieferantenstrukturen bis hin zur Entwicklung eines zweiten Produktions- und Absatzstandbeins.
1. Welche Chancen bietet Indien derzeit für deutschsprachige Unternehmen, die ihre Lieferketten diversifizieren wollen?
Indien bietet derzeit vor allem die Chance, Lieferketten breiter und robuster aufzustellen. Viele Unternehmen möchten ihre Abhängigkeit von China reduzieren und genau hier kommt Indien ins Spiel. Der Standort ermöglicht nicht nur eine alternative Beschaffung, sondern zunehmend auch den Aufbau eigener Produktionskapazitäten. Besonders interessant ist dabei die Kombination aus Sourcing und Markt. Wer heute in Indien einkauft, kann morgen relativ einfach auch lokal produzieren oder verkaufen. Das macht Indien strategisch deutlich wertvoller als reine Low-Cost-Standorte.
2. Viele Unternehmen verfolgen eine „China+1“-Strategie. Welche Rolle spielt Indien dabei aus Deiner Sicht?
Im Kontext der „China+1“-Strategie nimmt Indien eine besondere Rolle ein. Während kleinere Länder wie Vietnam häufig für schnelle und schlanke Alternativen genutzt werden, bietet Indien die Möglichkeit, langfristig größere Strukturen aufzubauen. Deshalb entwickelt sich Indien bei vielen Unternehmen vom reinen Ergänzungsstandort zu einem zweiten strategischen Standbein. Es geht also weniger um kurzfristiges Ausweichen, sondern um den gezielten Aufbau eines zweiten großen Produktions- und Beschaffungsökosystems.
3. In welchen Branchen sehen Sie derzeit die größten Wachstumspotenziale für deutsche Unternehmen in Indien?
Die größten Chancen liegen aktuell in klassischen deutschen Kernindustrien. Dazu zählen insbesondere Maschinen- und Anlagenbau, die Automobilindustrie und ihre Zulieferer sowie Elektronik und Komponentenfertigung. Gleichzeitig gewinnen Branchen wie Chemie, Pharma und erneuerbare Energien stark an Bedeutung. Ein wesentlicher Treiber ist dabei die hohe Nachfrage durch Infrastrukturprojekte und Industrialisierung. Deutschland bringt in diesen Bereichen genau die Technologien und das Know-how mit, das in Indien aktuell besonders gefragt ist.
4. Wie hat sich Indien in den letzten Jahren als Produktions- und Beschaffungsstandort entwickelt?
Indien hat in den vergangenen Jahren einen deutlichen Wandel durchlaufen. Früher war das Land vor allem als Absatzmarkt interessant, heute entwickelt es sich zunehmend zu einem ernstzunehmenden Produktions- und Exportstandort. Staatliche Programme wie „Make in India“ haben gezielt industrielle Kapazitäten aufgebaut, während parallel in Infrastruktur und Logistik investiert wurde. Auch wenn es noch Herausforderungen gibt, ist klar erkennbar, dass Indien Schritt für Schritt wettbewerbsfähiger wird, insbesondere in ausgewählten Industrien wie Elektronik oder Automotive.
5. Welche Vorteile bietet Indien im Vergleich zu anderen asiatischen Beschaffungsmärkten wie Vietnam oder Indonesien?
Der größte Vorteil Indiens liegt in seiner Kombination aus Größe, Tiefe und Perspektive. Während Vietnam oft schneller und einfacher ist und Indonesien stark bei Rohstoffen, bietet Indien die Möglichkeit, komplette Wertschöpfungsketten aufzubauen. Der riesige Binnenmarkt sorgt zusätzlich für Stabilität und Wachstum. Unternehmen profitieren also nicht nur von günstiger Produktion, sondern auch von Skalierbarkeit und langfristigem Potenzial. Genau diese Kombination macht Indien strategisch besonders interessant.
6. Welche Faktoren machen Indien besonders attraktiv für deutsche Industrieunternehmen?
Die Attraktivität Indiens ergibt sich aus mehreren Faktoren, die zusammenwirken. Dazu gehören eine große und junge Bevölkerung, ein wachsender Pool an gut ausgebildeten Fachkräften sowie vergleichsweise wettbewerbsfähige Kosten. Hinzu kommen staatliche Förderprogramme und ein dynamischer Binnenmarkt. Für deutsche Unternehmen ist vor allem entscheidend, dass sich in Indien nicht nur produziert, sondern auch entwickelt, konstruiert und verkauft werden kann. Es geht also um ein ganzes Ökosystem und nicht nur um günstige Fertigung.
7. Welche Rolle spielt der riesige indische Binnenmarkt für Unternehmen, die zunächst nur Sourcing betreiben möchten?
Auch für Unternehmen, die zunächst nur Beschaffung betreiben, spielt der Binnenmarkt eine wichtige Rolle. Er sorgt dafür, dass lokale Lieferanten wachsen, investieren und ihre Qualität verbessern können. Dadurch entstehen stabilere und leistungsfähigere Lieferketten. Gleichzeitig eröffnet der Markt langfristig zusätzliche Optionen. Viele Unternehmen beginnen mit Sourcing und entwickeln daraus später eigene Vertriebs oder Produktionsaktivitäten. Der Binnenmarkt wirkt also wie ein Katalysator für die gesamte Wertschöpfung.
8. Was sollte ein Unternehmen konkret als ersten Schritt tun, wenn es mit Sourcing in Indien starten möchte?
Der wichtigste erste Schritt ist eine fundierte Analyse des Lieferkettenpotenzials. Unternehmen sollten einen strukturierten Benchmark durchführen, um zu verstehen, wie weit indische Lieferanten in den relevanten Segmenten bereits entwickelt sind. Dabei geht es insbesondere um drei Fragen. Welches Preisniveau ist realistisch? Welche Qualitätsstandards können erreicht werden? Und wie sind die Sub Lieferanten Strukturen aufgebaut?
Ein solcher Benchmark schafft Transparenz und hilft, realistische Erwartungen zu setzen. Gleichzeitig zeigt er sehr klar auf, in welchen Bereichen Indien bereits wettbewerbsfähig ist und wo noch Entwicklungsarbeit notwendig ist. Gemeinsam mit Kloepfel Services lässt sich eine solche Analyse strukturiert und effizient umsetzen. Das ist die Grundlage für jede erfolgreiche Sourcing Strategie
9. Welche politischen oder wirtschaftlichen Entwicklungen stärken derzeit Indiens Rolle in globalen Lieferketten?
Mehrere Entwicklungen verstärken aktuell Indiens Bedeutung. Dazu gehören gezielte Förderprogramme für die Industrie, Investitionen in Infrastruktur sowie eine zunehmende Öffnung für ausländische Investoren. Gleichzeitig spielen geopolitische Faktoren eine wichtige Rolle. Unternehmen weltweit wollen ihre Lieferketten breiter aufstellen und Indien positioniert sich aktiv als Alternative. Diese Kombination aus internen Reformen und externem Druck wirkt wie ein Beschleuniger.
10. Welche strategischen Chancen verpassen Unternehmen, wenn sie Indien nicht stärker einbinden?
Unternehmen, die Indien ignorieren, riskieren vor allem, zu spät zu kommen. Wer früh einsteigt, kann sich gute Partner, Standorte und Talente sichern. Wer wartet, trifft oft auf höhere Kosten und stärkeren Wettbewerb. Darüber hinaus geht es um mehr als nur Beschaffung. Indien bietet die Chance, langfristig ein zweites Standbein aufzubauen, sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb. Diese strategische Option zu verpassen, kann sich in Zukunft als echter Nachteil erweisen.
Kurzfazit

Indien ist kein einfacher Markt, aber ein strategisch extrem wichtiger. Entscheidend ist, das Land nicht als kurzfristige Alternative zu China zu sehen, sondern als langfristige Ergänzung. Unternehmen, die diesen Schritt frühzeitig gehen, können sich klare Wettbewerbsvorteile sichern.
5-Punkte-Checkliste: Sourcing in Indien erfolgreich starten
Die Grundlage für erfolgreiches Sourcing in Indien ist eine strukturierte Analyse des Lieferkettenpotenzials. Dieser Schritt ist schnell umsetzbar, kostengünstig und liefert eine fundierte Entscheidungsbasis. Unternehmen gewinnen Klarheit über Preise, Qualität und Lieferantenreife, reduzieren Risiken und vermeiden Fehlentscheidungen. Gleichzeitig zeigt sich früh, wo Indien bereits wettbewerbsfähig ist und wo nicht.
1. Verfolgen wir eine klare strategische Rolle für Indien in unserer Lieferkette?
Sehen wir Indien nur als Kostenoption oder als langfristigen Baustein für Beschaffung, Produktion und Wachstum?
2. Haben wir das Lieferkettenpotenzial in Indien realistisch bewertet?
Kennen wir Preisniveaus, Qualitätsstandards und die Reife der Lieferanten inklusive ihrer Sub Lieferanten Strukturen?
3. Haben wir die richtigen Regionen und Industriecluster identifiziert?
Wissen wir, in welchen Bundesstaaten unsere Zielbranchen am besten entwickelt sind?
4. Ist unser bestehender Lieferantenauswahl- und Qualifizierungsprozess an die indischen Gegebenheiten angepasst?
Berücksichtigen wir Unterschiede in Kultur, Reifegrad, Kommunikation, Qualitätsverständnis und notwendiger Lieferantenentwicklung?
5. Haben wir lokale Präsenz oder einen verlässlichen Partner vor Ort?
Können wir Kommunikation, Qualität und Umsetzung ausreichend steuern? Haben wir die passenden Kapazitäten vor Ort?
Kontakt:
Kloepfel Group
Damir Berberovic
Tel.: 0211 941 984 33 | Mail: rendite@kloepfel-consulting.com
