VDA-Geschäftsführer Andreas Rade über mehr Resilienz, anhaltenden Druck und politischen Handlungsbedarf
Andreas Rade, Geschäftsführer Politik und Gesellschaft beim Verband der Automobilindustrie (VDA), sieht die Automobilzulieferer heute deutlich besser aufgestellt als noch vor wenigen Jahren. Die Branche habe ihre Lieferketten gestärkt und diversifiziert – stehe aber weiterhin unter Druck durch geopolitische Risiken, Abhängigkeiten und politische Rahmenbedingungen.
- Automobilzulieferer haben ihre Lieferketten in den vergangenen Jahren deutlich gestärkt
- Diversifizierung von Lieferanten und Lieferwegen erhöht die Resilienz
- Geopolitische Risiken und Abhängigkeiten bleiben zentrale Herausforderungen
- Geschwindigkeit und Effizienz werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor
- KI und Digitalisierung ermöglichen transparentere und reaktionsschnellere Lieferketten
- Politik muss Rahmenbedingungen für Industrie und Versorgungssicherheit verbessern
Wettbewerb der Lieferketten: Wo stehen deutsche Automobilzulieferer im internationalen Vergleich?
Kaum eine Branche ist so global aufgestellt wie die deutsche Automobilindustrie. Ein Hersteller arbeitet in der Regel mit mehreren zehntausend Zulieferern und Subzulieferern zusammen. Globale Unsicherheiten, geopolitische Spannungen und neue Handelsbarrieren stellen die Branche vor große Herausforderungen. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche, sich wandelnder Lieferketten und zunehmenden Wettbewerbs wächst der Druck, Logistikprozesse schneller und effizienter zu gestalten. Hier sind deutsche Unternehmen gut aufgestellt. Dass geo- und handelspolitische Herausforderungen der vergangenen Jahre nur selten zu Lieferunterbrechungen und Produktionsausfällen geführt haben, zeigt, dass die Unternehmen deutlich resilienter geworden sind.
Resilienz der Lieferketten: Hat die Branche aus den Krisen der vergangenen Jahre genug gelernt? Was läuft gut? Wo gibt es Umsetzungsprobleme?
Die Unternehmen haben ihre Prozesse in den vergangenen Jahren angepasst und widerstandsfähiger gestaltet, haben Lieferanten und Lieferwege diversifiziert. Gleichzeitig sind die Lagerbestände trotz aller Vorsorge natürlich dennoch begrenzt. Und wenn in einer auch durch politische Eingriffe verursachten Situation wie im Fall Nexperia wichtige Knotenpunkte ausfallen, können andere Hersteller nicht so kurzfristig in solchen Mengen einspringen. Unsere Unternehmen zeigen aber auch hier eindrucksvoll, dass sie bei Herausforderungen flexibel und anpassungsfähig sind.
Künstliche Intelligenz: Wie groß ist die Lücke zwischen Anspruch und Realität beim KI-Einsatz im Einkauf und in der Lieferkette? Was unterscheidet erfolgreiche von weniger erfolgreichen Unternehmen?
Digitalisierung und klimaneutrale Mobilität werden von den Unternehmen weiter vorangetrieben und die Lieferketten dabei transparent, resilient und intelligent vernetzt. Nur wenn Informationen in Echtzeit alle relevanten Bereiche erreichen und im Unternehmen Einkauf, Logistik, Produktion sowie Qualität eng abgestimmt handeln, kann man auf Störungen schneller reagieren als die Wettbewerber. Geschwindigkeit und Effizienz sind die Kernkomponenten unseres zukünftigen Erfolgs – und die Logistik übernimmt dabei als Taktgeber und Krisenmanager eine zentrale Verantwortung in der vernetzten Unternehmensrealität von morgen.
Strategische Abhängigkeiten: Welche Abhängigkeiten von China sind für die Branche aktuell besonders kritisch – und wie realistisch lässt sich dieses Risiko bis 2030 verringern?
Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren höchste Flexibilität unter sich ständig wandelnden Bedingungen bewiesen und tun dies auch gegenwärtig. Das Leitmotiv ist einfach: So autonom wie notwendig und so offen, global und marktorientiert wie möglich. Die Anstrengungen der Unternehmen in puncto Diversifizierung und Resilienz müssen aber auch politisch deutlich besser unterstützt werden als bisher.
Europa muss dringend weitere Handels- und Investitionsabkommen abschließen, um die Versorgungssicherheit und die Bezahlbarkeit strategisch wichtiger Komponenten zu gewährleisten. Zudem müssen Rohstoffpartnerschaften sowie die Ansiedlung von Weiterverarbeitungskapazitäten für kritische und strategische Rohstoffe zu Top-Prioritäten werden. Einen Fokus muss die Politik dabei auf Batterierohstoffe sowie Seltene Erden legen, die für die E-Antriebe benötigt werden. Bei all dem sind Tempo, Entschlossenheit und Pragmatismus gefragt.
Wichtig ist außerdem, dass Europa und Deutschland als Produktionsstandorte, insbesondere für Batterien und Halbleiter, attraktiver werden. Dafür braucht es die entsprechenden Rahmenbedingungen, vor allem wettbewerbsfähige Energiepreise, den Zugang zu Rohstoffen und eine verlässliche, langfristig angelegte Förderung der Batterieforschung. Die Stärkung des eigenen Standorts ist der wesentliche strategische Hebel, um die EU global wieder als aktiv gestaltenden Akteur zu positionieren und um eigene Interessen durchsetzen zu können.
Zukunftschancen: Welche konkreten Hebel sollten Zulieferer in Einkauf und Lieferkette jetzt sofort umlegen, um Kosten zu senken und ihre Wettbewerbsfähigkeit kurzfristig zu sichern?
Der wichtigste Schritt ist, sich konsequent zukunftsfest aufzustellen. Dazu gehört vor allem, Abhängigkeiten von einzelnen Branchen oder Produkten zu reduzieren und bestehende Geschäftsmodelle weiterzuentwickeln. Gleichzeitig müssen Produktionsprozesse so optimiert werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit auch unter steigendem Kostendruck erhalten bleibt. Ebenso zentral ist der Blick über bestehende Märkte hinaus: Wer neue Absatzregionen erschließt, verschafft sich wichtige strategische Spielräume. Große Chancen liegen außerdem in der aktiven Mitarbeit in regionalen Netzwerken. Sie stärken den Wissens- und Technologietransfer und schaffen Synergien, die in industriell geprägten Regionen besonders wertvoll sind. Gerade in Zeiten technologischer Umbrüche, demografischer Veränderungen und zyklischer Nachfrageschwächen ist vorausschauendes Handeln entscheidend.
Standort Deutschland: Welche Maßnahmen der Regierung sind überfällig?
Berlin und Brüssel müssen alles auf die Agenda setzen, was Wachstum schafft: weniger Regulierung und Bürokratie, schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, verlässliche und niedrigere Energiepreise und eine innovationsfreundliche Industriepolitik. Nur so wird der Standort wieder attraktiv. Und natürlich braucht es Rohstoff- und Handelsabkommen mit neuen Partnern. Da ist man in den vergangenen Monaten vorangekommen, z.B. bei den EU-Mercosur-Abkommen, mit dem EU-Indien-Abkommen und der Einigung zum Abschluss eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Australien. Die Politik sollte allerdings künftig Handelsabkommen wesentlich schneller und pragmatischer voranbringen als in der Vergangenheit. Denn: Wirtschaftliche Stärke und Kooperationen sind die Voraussetzung dafür, dass Deutschland und die EU ihre Rollen auf der globalen Bühne behaupten können.
Unterstützung durch VDA: Wie unterstützt der Verband der Automobilindustrie Automobilzulieferer generell, um sie für die Zukunft zu rüsten?
Der VDA bietet seinen Mitgliedern – Herstellern, Zulieferern und Entwicklungsdienstleistern – vielfältige Plattformen für Austausch und Zusammenarbeit. In gemeinsamen Projekten und Gremien werden Lösungen für aktuelle Herausforderungen erarbeitet. Eine Mitgliedschaft im VDA stärkt Netzwerke und eröffnet Perspektiven für zukünftige Geschäftsmodelle. Gleichsam ist der VDA natürlich die starke politische Stimme der deutschen Automobilindustrie. Wir setzen uns in Berlin und Brüssel mit Nachdruck für die Unternehmen ein – und haben dabei immer auch die Belange des automobilen Mittelstandes im Blick.
Redaktion: Christian Fischer

Abteilung Politik & Gesellschaft
Verband der Automobilindustrie (VDA)
Diplom-Politologe Andreas Rade, geboren 1967 in Bassum, ist seit Januar 2022 Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie (VDA). Er ist verantwortlich für den Geschäftsbereich „Politik und Gesellschaft“. Darunter fallen Grundsatzfragen, Konjunktur- und Standortfragen wie auch die Mittelstands- und Außenwirtschaftspolitik. Die Transformation der Automobilindustrie bildet einen Schwerpunkt im Bereich Klima, Nachhaltigkeit und Verkehr. Die VDA-Büros in Brüssel und Peking sind ebenfalls seinem Geschäftsbereich zugeordnet.Vor seinem Start beim VDA leitete Andreas Rade neun Jahre als Geschäftsführer das Hauptstadtbüro des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Von 1999 bis 2012 arbeitete er in verschiedenen Positionen bei der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen – unter anderem als Referent für Verkehrspolitik, Leiter der Bund/Länder-Koordination und zuletzt als Büroleiter der damaligen Fraktionsvorsitzenden Renate Künast.
Nach seinem Studium an der Technischen Universität Berlin standen für Andreas Rade zunächst sozialwissenschaftliche Mobilitätsthemen im Mittelpunkt. Unter anderem beschäftigte er sich mit den Herausforderungen auf dem Weg zu nachhaltiger Mobilität und den Chancen einer klimaneutralen Transformation.
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