Marktchancen und Exportvorteile für europäische Unternehmen
Das EU-Mercosur-Abkommen steht vor der Umsetzung. Der Handelsteil soll ab dem 1. Mai 2026 vorläufig angewendet werden – ein entscheidender Vorteil, da dieser Teil nicht auf die vollständige Ratifizierung durch alle 27 EU-Mitgliedstaaten warten muss. Mit der vorläufigen Anwendung beginnt der schrittweise Abbau von Zöllen auf zahlreiche Industrie- und Agrargüter. Ziel ist die Schaffung einer der weltweit größten Freihandelszonen mit erleichtertem Zugang zu Märkten und Rohstoffen. Lieferkettenexperte Ingo Glawe beantwortet die wichtigsten Fragen zu den praktischen Auswirkungen.
Was ändert sich durch das Mercosur-Abkommen ganz konkret für Unternehmen in Europa?
In erster Linie fallen zahlreiche Zölle weg oder werden deutlich reduziert. Das betrifft insbesondere den Export europäischer Güter wie Kraftfahrzeuge, Maschinen sowie Chemie- und Pharmaprodukte nach Südamerika, wo die Importzölle bislang sehr hoch sind. Umgekehrt erhalten europäische Unternehmen einen kostengünstigeren Zugang zu Rohstoffen und Agrarprodukten aus der Mercosur-Region. Zudem sieht das Abkommen den Abbau bürokratischer Hürden vor, was es Firmen erleichtert, vor Ort aktiv zu werden oder Niederlassungen zu etablieren.
Warum sollte sich ein Mittelständler überhaupt damit beschäftigen – betrifft ihn das wirklich?
Mittelständische Unternehmen sind oft als Zulieferer Teil globaler Lieferketten. Wenn Großkunden verstärkt in den Mercosur-Raum exportieren, profitiert die gesamte Kette durch steigende Volumina. Direkt können Mittelständler durch günstigere Vorprodukte ihre Kosten senken und so die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Konkurrenten aus den USA oder China steigern. Zudem eröffnet das Abkommen den direkten Zugang zu einem Markt mit rund 270 bis 300 Millionen Konsumenten.
Welche Branchen profitieren – und wer bekommt eher Probleme?
- Gewinner (Europa): Vor allem der Maschinenbau, die Automobilindustrie sowie die Chemie- und Pharmabranche profitieren exportseitig. Importseitig gewinnen Lebensmittel- und Agrarunternehmen durch günstigere Rohstoffe.
- Verlierer (Europa): Die heimische Landwirtschaft könnte unter Druck geraten, da der Wettbewerb durch kostengünstige Agrarimporte aus Südamerika zunimmt.
- Südamerika: Lokale Maschinenhersteller und Teile der dortigen Automobilindustrie könnten vor Herausforderungen stehen, da der Konkurrenzdruck durch europäische Importe steigt.
Wo können Unternehmen konkret Geld sparen – und wie schnell merkt man das?
Einsparungen ergeben sich unmittelbar aus sinkenden Zollabgaben und einer vereinfachten Zollabwicklung. Sinkt beispielsweise ein Zollsatz für ein Agrarprodukt signifikant, schlägt sich dies direkt in der Kalkulation des Importeurs nieder. Unter Berücksichtigung der Transportwege auf dem Seeweg (ca. 40 bis 50 Tage) machen sich diese finanziellen Vorteile bereits wenige Monate nach Inkrafttreten der jeweiligen Zollsenkungen bemerkbar.
Ist Südamerika eine echte Alternative zu China – oder eher nur eine Ergänzung?
Südamerika ist primär als strategische Ergänzung zu betrachten. Technologisch ist China in vielen Bereichen weiter fortgeschritten. Dennoch bietet die Mercosur-Region eine wichtige Möglichkeit, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren und Lieferketten resilienter aufzustellen, insbesondere bei der Beschaffung von Rohstoffen.
Wo hakt es aktuell beim Transport aus Südamerika – Häfen, Straßen, Lieferzeiten?
Die größte logistische Herausforderung liegt im Inlandstransport innerhalb Südamerikas. Da ein leistungsfähiges Schienennetz vielerorts fehlt, erfolgt der Transport primär über die Straße. Angesichts der enormen Distanzen und einer oft ausbaufähigen Straßenqualität ist dieser Teil der Kette komplex. Die Hafeninfrastruktur und der internationale Seeverkehr hingegen sind gut etabliert und bereiten in der Regel weniger Probleme.
Was unterschätzen Unternehmen aktuell am meisten, wenn sie nach Südamerika schauen?
Oft wird die bürokratische und regulatorische Komplexität unterschätzt. Insbesondere Steuersysteme (etwa in Brasilien) gelten als äußerst kompliziert. Zudem spielen kulturelle Unterschiede in der Geschäftsführung sowie operative Risiken in der lokalen Logistik eine Rolle, die eine sorgfältige Vorbereitung erfordern.
Wenn ein Unternehmen heute startet – wann kommen realistisch erste Lieferungen an?
Dies hängt stark vom Produkt ab. Bei bereits etablierten Produkten und bestehenden Handelswegen kann eine Abwicklung innerhalb von 8 bis 12 Wochen realisiert werden. Muss ein Lieferant komplett neu aufgebaut werden (inklusive Audits und Musterungen), ist mit einem Zeitraum von vielen Monaten zu rechnen. Da viele Industrien in Südamerika jedoch bereits global vernetzt sind, lassen sich Prozesse oft beschleunigen.
Bremsen Umweltauflagen und politische Diskussionen das Abkommen in der Praxis aus?
Umweltpolitische Anforderungen sind ein zentraler Diskussionspunkt und können die Umsetzung beeinflussen. Europäische Unternehmen müssen sicherstellen, dass Partner vor Ort die strengen Compliance-Vorgaben (z. B. ESG-Kriterien, Lieferkettengesetz) erfüllen. Viele exportorientierte Unternehmen in Südamerika sind hierauf bereits vorbereitet, dennoch bleibt die politische Debatte ein Unsicherheitsfaktor für die Praxis.
Was sind die ersten drei Schritte für ein Unternehmen, das jetzt Lieferanten in Südamerika finden und aufbauen will?
- Zielsetzung & Analyse: Festlegen der relevanten Warengruppen und Erstellung eines Business Case (Total Cost of Ownership), um den wirtschaftlichen Vorteil zu validieren.
- Marktrecherche & Netzwerknutzung: Identifikation von Lieferantenclustern über Datenbanken der Außenhandelskammern (AHK), Botschaften oder staatliche Wirtschaftsförderungen der Partnerländer.
- Testphase: Einleitung einer Pilotphase mit geringen Mengen. Durchführung von Qualitätsprüfungen und Musterungen, bevor eine Skalierung erfolgt.

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